Gerda Boyesen – eine Kurzbiografie

von Thomas Haudel und Ebba Boyesen


Gerda Boyesen wurde am 18.05.1922 als zweites von vier Kindern in der norwegischen Hafenstadt Bergen geboren. Ihr Vater Reinhard Momsen war von Beruf Diplom-Bibliothekar und stammte aus einer sehr konservativen, wohlhabenden bürgerlichen Familie. Gerda wurde von ihm sehr streng erzogen.
Ihre Mutter Magna Veyle Momsen war die älteste Tochter einer großbäuerlichen Familie. Sie war künstlerisch sehr begabt und führte bis zum Ende des 1. Weltkrieges Norwegens größte Textil- und Modefirma.
Magna Veyle Momsen war über mehrere Jahre Norwegens Tennismeisterin und gründete in den frühen 30er Jahren Norwegens ersten Tennisklub für Frauen, der  noch immer existiert.

Gerdas Großvater war Schulmeister in dem Dorf und wurde Begründer einer Partei, die radikal für das Recht kämpfte, dass alle Menschen in Norwegen gleichermaßen das Recht haben, zu studieren. Er war Zugereister in dem Dorf Vevle und nahm den Nachnamen Momsen seiner Frau an, was damals sehr ungewöhnlich war. Gerda besuchte oft ihre Großeltern mütterlicherseits und wurde sehr durch den Großvater und seine Visionen geprägt.

Mit sieben Jahren kam sie in die Schule und in ihrem neunten Lebensjahr übersiedelte die Familie nach Oslo.
Der Vater baute ein Geschäft auf für wissenschaftliche Bücher und Lehrmittel, die an der Universität Oslo benötigt wurden.
Gerda war außerordentlich begabt, aber sie selber beschreibt sich in dieser Zeit als sehr scheu. Sie lebte in ihren Büchern. Mit 18 Jahren, im Jahr 1930, absolvierte Gerda ihr Abitur als Beste in ihrer Klasse. Danach verpflichtete ihr Vater sie, eine zweijährige Ausbildung an der Höheren Handelsschule zu absolvieren. Das war ihr immerhin noch lieber, als die Haushaltsschule zu besuchen. Gerdas Hobbys waren damals Lesen, Skifahren und Tennis. Ihre heimliche Leidenschaft war es, Lieder und Operetten zu singen. Das hat sie auch später nie aufgegeben.
Mit 16 Jahren wurde Gerda Boyesen norwegische Juniormeisterin im Tennis. Ein Stipendium für Tennis in den USA traute sie sich nicht anzunehmen.

Mit 21 Jahren heiratet Gerda 1943 Carl Christian Boyesen, den Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten.
Carl Christian arbeitete als Junior-Direktor in einer der chemischen Fabriken seines Vaters. Ein Jahr nach der Heirat, im Juni 1944, wurde ihr erstes Kind, die Tochter Ebba Lillan in Oslo geboren. Ein Jahr später im August 1945 kam Mona Lisa auf die Welt und im August 1948 Paul Carl Boyesen.

Nach Mona Lisas Geburt begann Gerda im Jahr 1947 Psychologie an der Universität Oslo zu studieren und schloss 1952 ihr Studium mit Auszeichnung ab. Bestandteil ihres Studiums war auch ein spezieller Kurs für Kinderpsychologie. Ebenfalls 1947 begann Gerda Boyesen eine Psychoanalyse bei Dr. Havrevold, einem in Norwegen sehr bekannten Psychiater. Als sie dann im gleichen Jahr eine Vorlesung bei Ola Raknes hörte und dieser ihr spontan anbot, bei ihm eine Lehrtherapie in analytischer Vegetotherapie zu machen, beendete Gerda nach sechs Monaten ihre Lehranalyse bei Dr. Havrevold. Das war im Herbst 1947.
Die Begegnung mit Ola Raknes war eine prägende Erfahrung für Gerda Boyesen. Er war fortan ihr wichtigster Mentor, der sie sowohl ihren persönlichen Reifungsprozess als auch die Entwicklung ihrer eigenen Theorie begleitete.  

Ola Raknes wurde mit 56 Jahren Schüler und Freund von Wilhelm Reich, in der Zeit, als dieser sich für einige Jahre in Oslo niedergelassen hatte. Weil es in Norwegen üblich ist, dass  Psychiater und Physiotherapeuten zusammenarbeiten, hatte Reich große Resonanz für seine Arbeit bei Kollegen dieser beiden Berufe gefunden. Die Freundschaft und weiterführende Studien mit Wilhelm Reich dauerten bis zu dessen Tod 1955 in den USA.
Ola Raknes spezialisierte sich auf die Erkenntnisse Reichs späterer Arbeiten über Energie und Orgonomie und verband das mit dessen früherer Charakteranalytischen Vegetotherapie. Damit war er einer der wenigen, führenden Körperpsychotherapeuten, die nach Wilhelm Reich in Europa tätig waren.

Von 1952 bis 1954 absolvierte Gerda eine Ausbildung in Physiotherapie. Anschließend wurde sie von 1954 bis 1956  am Institut von Adel Bülow Hansen in Oslo in Dynamischer Physiotherapie ausgebildet. Von 1955 bis 1956 arbeitete sie an diesem Institut bereits als Assistentin. Aadel Bülow-Hansen hatte in Zusammenarbeit mit dem Psychiater Tryvge Braatöy eine Neurosentherapie entwickelt, die mit haltungsverändernden Ganzkörpermassagen arbeitete und damit gute Heilerfolge erzielte. Gerda Boyesen war die erste Therapeutin, die sowohl in Psychologie als auch in Physiotherapie ein Studium bzw. eine Ausbildung absolvierte.
Die Theorien, die Gerda Boyesen während ihrer Arbeit am Bülow-Hansen Institut entwickelte, bildeten das Fundament der Biodynamischen Psychologie. Sie entdeckte unter anderem, welche Bedeutung das Zwerchfell für die Lösung energetischer Blockaden hat. Außerdem formulierte sie ihre ersten Gedanken über die Struktur des Schreckreflexes. Parallel zu ihrer Arbeit an diesem Institut bekam sie Massagesitzungen von Aadel Bülow-Hansen.

Auf Empfehlung von Aadel Bülow-Hansen begab sich Gerda Boyesen begleitend zu den Massagesitzungen in eine Lehranalyse bei Dr. Houge. Dr. Houge war ein analytisch ausgebildeter Psychiater, der auch mit körperpsychotherapeutischen Methoden arbeitete. Dieser dreijährige intensive Prozess von physio- und psychotherapeutischer Selbsterfahrung, führte bei Gerda Boyesen zu tiefen Erkenntnissen über sich selbst und das Zusammenwirken von Körper und Seele. Gerda Boyesen sagte dazu selber:

„Die Erlebnisse während meiner eigenen Therapie bei Aadel Bülow-Hansen und das, was in der Behandlung mit meinen Patienten geschah, löste eine Flutwelle von Theorien in mir aus, aus denen ich Schritt für Schritt im Laufe der Jahre allmählich die Theorie der Biodynamischen Psychologie entwickelte.“
Wenn sie darüber mit Ärzten oder Psychologen sprach, stieß sie meist auf eine große Ignoranz und Geringschätzung. Niemand von ihnen hielt es für möglich, psychische Erkrankungen auch durch Massagen heilen zu können.

Von 1956 bis 1969 arbeitete Gerda Boyesen als Psychologin auf psychiatrischen Stationen verschiedener norwegischer Kliniken und zwar in Gaustad, in Lier, in Ullevaal, im Dikemark Krankenhaus in Oslo und zuletzt von 1966 bis 1969 als Leitende Psychologin in der Universitätsklinik in Winderen. Sie war dabei überwiegend mit Teilzeitstellen angestellt, um nebenbei auch ihre Praxis betreiben zu können.
In den Kliniken machte Gerda Boyesen oft die Erfahrung, dass Männer vorwiegend mit Psychopharmaka, Frauen jedoch überwiegend mit Psychotherapie behandelt wurden. Gerda arbeitete meist auf Frauenabteilungen und behandelte die Patientinnen in Einzel- und Gruppensitzungen mit Gesprächstherapie nach Rogers. Sie hatte von manchen Stationsärzten aber auch die Erlaubnis, bei einigen Patientinnen mit der Massagemethode zu arbeiten und erreichte damit nachhaltigere Wirkungen, als mit der Gesprächstherapie. Diese Heilungserfolge wurden von den leitenden Ärzten der Klinik jedoch nicht auf die Massagesitzungen zurückgeführt.
Gerda Boyesen wurde während dieser Zeit auch zu einer Spezialistin in der Anwendung des Rohrschach-Tests.
Neben ihrer Tätigkeit als Psychologin arbeitete sie noch als Journalistin für die Zeitschrift Akersposten, für die sie regelmäßig Artikel schrieb.  

1959 begab sich Gerda Boyesen im Alter von 37 Jahren erneut in Lehrtherapie bei Ola Raknes. Inzwischen hatte sie ihre Theorie weiterentwickelt und gab ihr den Titel: „Von der Libido zur Kosmischen Energie“. Ola Raknes begleitete ihren Forschungsprozess mit Wohlwollen und Fachkenntnis. Er war ja mit Wilhelm Reichs Theorien bestens vertraut und konnte somit auch einschätzen, an welchem Punkt ihrer Erkenntnisse Gerda Boyesen bereits angekommen war. Es spricht für die Gültigkeit der psychosomatischen Erkenntnisse von Wilhelm Reich, dass Gerda Boyesen auf empirischem Weg zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt ist. Später bereicherte sie die Körperpsychotherapie um viele neue Erkenntnisse, die über das Werk von Wilhelm Reich hinausgingen.

Bereits ab 1954 behandelte Gerda Boyesen, neben ihrer Tätigkeit als angestellte Psychologin, Patienten in ihrer eigenen Praxis. Dort hatte sie die Gelegenheit fernab institutionalisierter Psychotherapie ihre eigene Methode bei Patienten anzuwenden und weiterzuentwickeln.
Etwa ab 1956 wandte sie auch erstmalig das Stethoskop als Biofeedbackinstrument an.  

Da Gerda Boyesens Theorie und Therapiemethode im Widerspruch zu den damals verbreiteten psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlungsmethoden stand, kam es auf Kongressen in Skandinavien immer häufiger zu Auseinandersetzungen mit Ärzten und Psychologen, die ihre Theorien nicht nachvollziehen konnten und auch ihre Behandlungserfolge nicht für möglich hielten.

1968 wurde Gerda Boyesen zu Vorlesungen in die Tavistock-Klinik nach London eingeladen. Als ihr dann ein Jahr später Ola Raknes anbot, seine Praxis in London zu übernehmen, entschloss sich Gerda Boyesen 1969 zur Übersiedlung. Dort praktizierten bereits die amerikanischen Körpertherapeuten Dr. Jerome Liss, Malcolm Brown und Jay Stattman. Auch David Boadella lebte zu dieser Zeit in London und verlegte die Zeitschrift „Energie und Charakter“ in welcher Gerda Boyesen  dann 1980  den ersten Artikel über die Biodynamische Psychologie veröffentlichte. Sowohl David Boadella als auch Malcolm Brown wurden bei der Entwicklung ihrer eigenen psychotherapeutischen Konzepte  inspiriert von Gerda Boyesens Theorie und Praxis der Körperpsychotherapie.
In London kam Gerda Boyesen auch in Kontakt mit so bedeutenden Persönlichkeiten wie dem Begründer der Summerhill-school A.S. Neill und dem Schauspieler Sean Connery.

Bereits seit 1963 studierte Gerdas ältester Sohn Paul Boyesen in London.
Da Gerda Boyesen seit 1963 von Carl Christian Boyesen geschieden war und ihre Tochter Ebba in den USA lebte, zog sie zunächst mit ihrer Tochter Mona Lisa nach London. Später übersiedelte auch die ältere Tochter Ebba nach London. In London hatte Gerda Boyesen nach Eröffnung ihrer Praxis binnen kurzer Zeit eine Vielzahl von Klienten und konnte ihre Theorien weiterentwickeln.
1974 gründete Gerda Boyesen in London das „Center for Biodynamik Psychology“, das 1980 umgewandelt wurde in das „Gerda Boyesen International Institute for Biodynamik Psychology“ - ihr eigenes Ausbildungsinstitut.
1980 heiratete Gerda Boyesen in London den Amerikaner Walter Danford Smith, der zu dieser Zeit als Journalist für die Zeitschrift „The economist“ arbeitete. Sie blieb bis zu ihrem Tod ihm Jahr 2005 mit ihm verheiratet. Von 1992 bis 2000 lebte das Paar getrennt.

Gerda Boyesens Hauptwerk „Über den Körper die Seele heilen“ entstand in mehrjähriger Arbeit parallel zu ihrer psychotherapeutisch-praktischen Tätigkeit in London und wurde 1985 in Paris zum ersten mal verlegt. Die deutsche Ausgabe erschien dann 1987 in München beim Kösel-Verlag.  
Von London aus reiste Gerda Boyesen in mehrere europäische Länder, um bei Kongressen und Fortbildungen ihre Methode zu vermitteln.
Am meisten verbreitet ist die Biodynamische Psychotherapie in der Bundesrepublik Deutschland.
Gerda Boyesen verstarb am 29.12.2005 im Alter von 83 Jahren in London.

Seit Mitte der Neunzehnhundertsiebziger Jahre arbeiten auch die Töchter von Gerda Boyesen, Ebba und Mona Lisa mit der Methode der Biodynamik. Sie wurden von Gerda Boyesen persönlich darin ausgebildet und waren an der Entstehung  und Weiterentwicklung der Methode aktiv beteiligt. Mona Lisa gründete in den Niederlanden ein Biodynamisches Zentrum. Ebba und Paul Boyesen bauten 1975 in Paris das Centre du Psychologie Biodynamic auf. 1977 verlegten sie den Sitz des Centres  nach Lasalle. Seit 1990 leitet Paul Boyesen das Institut für Psychoorganische Analyse. Paul Boyesen war außerdem einer der Mitbegründer der EABP und von 2003-2007 Präsident bzw. Vizepräsident der EAP.
1993 gründeten Ebba und Mona Lisa Boyesen in Lübeck die Europäische Schule für Biodynamische Psychologie, E.S.B.P.E. e.V., deren Leiterinnen sie bis heute sind. An diesem Institut kann die Methode der Biodynamischen Psychologie  in einem vierjährigen Ausbildungscurrikulum erlernt werden.   www.espbe.de



Nachruf Gerda Boyesen

Gerda Boyesen ist tot 


Die Begründerin der biodynamischen Körperpsychotherapie ist in London gestorben


Am 29.12.2005 ist Gerda Boyesen im Alter von 83 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben. Weiterleben wird ihr Lebenswerk: Die Biodynamische Psychologie als Grundlage der Biodynamischen Körperpsychotherapie.

In Norwegen geboren und als klinische Psychologin und Physiotherapeutin ausgebildet, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den engen Zusammenhang von Psyche und Körper. Ihre Forschungen in der Nachfolge von Sigmund Freud, C.G. Jung und vor allem von Wilhelm Reich, führten zu der Entdeckung der Psychoperistaltik. Die Erkenntnisse über die "Verdauung von Emotionen" eröffneten völlig neue Behandlungsmöglichkeiten. Die Einsatzmöglichkeiten reichen von Entspannung und Stressabbau bis zu tiefgreifender Psychotherapie. Ihr erstes Buch "Über den Körper die Seele heilen" machte die Biodynamische Körperpsychotherapie einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Gerda Boyesens Leben war geprägt von der unermüdlichen Arbeit mit Patienten und ihrer Tätigkeit als großartige und leidenschaftliche Lehrerin. Sie gründete 1969 das erste Biodynamische Zentrum in London und leitete bis ins hohe Alter Ausbildungs - und Supervisionsgruppen. Die Biodynamische Körperpsychotherapie gehört heute in Deutschland zu den führenden Verfahren der Körperpsychotherapie.

1999 wurde Gerda Boyesen mit der Ehrenmitgliedschaft der European Association for Bodypsychotherapy (EABP) für ihr Lebenswerk geehrt.

Gerda Boyesen ist Ehrenpräsidentin der Gesellschaft für Biodynamische Psychologie/Körperpsychotherapie, GBP e.V., dem deutschen Berufsverband der Biodynamischen Körperpsychotherapeuten.

 





          Gerda Boyesen